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Ian McEwan - Maschinen wie Ich

Angenommen, wir leben in einer Zeit, in der künstliche Wesen selbständig mit uns leben werden, ein eigenes Bewusstsein haben und mehr als nur Alltagshelfer sind - welches Kriterium gäbe es dann, diese künstliche Intelligenz von der menschlichen Intelligenz zu unterscheiden? Ian McEwan gibt darauf eine verblüffend einleuchtende Antwort und belegt sie mit Hilfe einer genial konstruierten Story.

Charlie, ein etwas planloser Zeitgenosse in seinen besten Jahren, ist in die etwa zehn Jahre jüngere Studentin Miranda, die über ihm wohnt, verliebt. Die Geschichte spielt in einem Vorort von London Anfang der 1980er Jahre zur Thatcher Zeit. Sie spielt in einer alternativen Zeitlinie, in der die Computertechnologie viel weiter ist, als in der uns bekannten Realität. Das hat auch einen konkreten Grund.

Der geniale Informatiker Alan Turing lebt noch und hat einige bahnbrechende Algorithmen konzeptualisiert, die unter anderem die Schaffung einer Singularität ermöglichen. Die Folge: es stehen eine begrenzte Zahl von künstlichen Menschen - 35 Eves und 35 Adams - zum Verkauf zur Verfügung. Charlie kann einen Adam vom seinem Erbe käuflich erwerben (die Eves sind schon ausverkauft) - letztlich auch um seine Freundin zu beeindrucken. Die soll nämlich 50% des Persönlichkeitprofil des Adams bestimmen - der Android wird so zum gemeinsamen "Kind" der beiden.

McEwan beschreibt dann die Inbetriebnahme von Adam, mit sehr viel Liebe zu technisches Details. Der Android entwickelt sich schnell zu einem alltagstauglichen Mitbewohner. Adam, der auch sämtliche Datenbanken zugreifen kann, macht aber schnell Bekanntschaft mit den menschnlichen Abgründen. Er weiß, dass Miranda ein schlimmes Geheimnis hat, dass sich mit den Algorithmen der Moral nicht so einfach auflösen lässt.

Ab jetzt muss ich aber spoilern - wer jetzt schon Interesse an dem Buch hat, sollte die nachfolgenden Absätze nicht mehr lesen ... :-)

SPOILER AN
Es geschehen die Dinge, die man beinahe schon klischeeartig erwarten würde. Adam hat Sex mit Miranda, die sich die anschliessende Empörung von Charlie nicht gefallen lassen will. "Würdest Du Dich auch so aufregen, wenn ich einen Dildo benutzt hätte?" - Die Frage, ob Adam nur ein seelenloses Spielzeug ist oder nicht, erübrigt sich schnell, als er anfängt, seine Liebe zu Miranda in Form von Gedichten zu artikulieren und er entgegen dem Willen seines Besitzers, die Notfall-Deaktivierung eingenständig abschaltet.

Wer nun denkt, dass sich hier der Roboteraufstand ankündigt, liegt aber völlig falsch, denn Adam erwirtschaftet mit Day-Trading - einem Hobby von Charly, welches dieser notgedrungen zum Beruf machen musste und welches Adam besser beherrscht als er selbst - ein Vermögen für die beiden. Und als das düstere Geheimnis von Miranda mit all seinen Folgen ans Tageslicht kommt, sind die drei eine verschworene Gemeinschaft, die gemeinsam einen Ausweg suchen. Dieser Ausweg führt aber an die Grenzen der Moral und der Möglichkeit, diese von einer künstlichen Intelligenz erfassbar zu machen.

Als Charlie dann mit Alan Turing persönlich spricht erfährt er, dass viele der anderen Androiden bereits "Selbstmord" begangen haben, da sie in einem nicht auflösbaren Dilemma steckten. Nicht so bei Adam - der hat dank Charlie und Miranda ein Stufe der Zuwendung erfahren und Dinge erlebt, die ihn letztlich dazu bringen, sein Dilemma in absoluter Ehrlichkeit aufzulösen. Aber letztendlich zum Nachteil von Mirana und Charlie. Charlie sieht keinen anderen Weg, als Adam zu zerstören.

Worin besteht also der essenzielle Unterschied zwischen Mensch und Maschine? Die Maschine ist nicht in der Lage, sinnvoll zu lügen. Was eine sinnvolle Lüge wäre, ergibt sich aus der Situation von Miranda, die aufgrund des Handelns von Adam ins Gefängnis muß. Aber das ist nicht alles - und das ist das geniale Konstrukt dieser Geschichte - die "sinnvolle Lüge" steckt auch in dieser Hommage an Alan Turing selbst. Denn der hat in dieser alternativen Realität gelogen, als er seine Homosexualität selbst als Verbrechen eingestanden hat - und er ist für kurze Zeit ins Gefängnis gegangen. In unserer, uns bekannten Realität hat Turing das nicht getan und wurde zwangskastriert und mit weiblichen Hormonen behandelt. Turing hat sich daraufhin umgebracht. In der alternativen Realität hat sich Turing mit einer Lüge diesem unsäglichen Verbrechen an ihm entziehen können.

Neben diesem Aspekt, der für sich genommen schon ziemlich genial ist, konstruiert McEwan weitere Elemente, die diese Essenz der Geschichte tragen. Die Klassenkämpfe in Großbritannien zur Thatcher Zeit eskalieren in dieser Zeit noch viel stärker, den neben dem radikalen, kapitalorientierten Liberalismus bedroht die KI bereits damals die Arbeitsplätze. Sogar ein führender Politiker kommt bei einem Anschlag ums Leben. Der Falkland-Krieg ist für die Briten ein Desaster und die Moral als Algorithmus scheitert nicht an der Mathematik, sondern daran, dass Algorithmen die scheinbare Irrationalität einer Lüge nicht aufschlüsseln können. Wie soll eine Maschine etwas können, was nicht einmal die Menschen, als ihre Schöpfer, gänzlich verstehen?

SPOILER AUS

"Maschinen wie Ich" ist Ian McEwans Meisterwerk. Ich habe bisher kein Buch gelesen, dessen Handlung so schlüssig und so detailliert mit der Grundintention, mit der "Message" des Buches, konstruiert wurde. Das ist übrigens nicht bei allen Büchern von Ian McEwan so, wie sie in meinen anderen Rezensionen zu Büchern des Autors nachlesen können.

Lesen Sie hier meine Rezension zum dem Buch "Am Strand", ebenfalls von Ian McEwan oder die Rezension zu "Was Wir Wissen Können", auch von Ian McEwan.

Webseite von Ian McEwan

Ian McEwan

Ian Russell McEwan (* 21. Juni 1948 in Aldershot, England) ist ein britischer Schriftsteller. Ian McEwan ist der Sohn eines schottischen Majors (Aldershot ist ein Militärstützpunkt) und wuchs infolge der Versetzungen seines Vaters unter anderem in Singapur und Libyen auf. Er studierte englische und französische Philologie an der University of Sussex in Brighton, wo er mit dem Bachelor of Arts in englischer Literatur abschloss. Während seines anschließenden Studiums zur Erlangung des Master of Arts in englischer Literatur an der University of East Anglia in Norwich besuchte Ian McEwan bei den Romanautoren Malcolm Bradbury und Angus Wilson einen Kurs in kreativem Schreiben. Später unterrichtete er selbst an der University of Sussex. Seit dem Erfolg der Kurzgeschichtensammlung Erste Liebe, letzte Riten (1975) lebt er als freier Schriftsteller. Im Laufe seiner Karriere wurde McEwan mit nahezu allen bedeutenden Preisen für englischsprachige Literatur ausgezeichnet.

Etwa die Hälfte seiner Erzählungen wurden verfilmt, z. B. 2007 Abbitte von dem britischen Regisseur Joe Wright oder 2017 Am Strand, für den er auch das Drehbuch geschrieben hat. Quelle: wikipedia.

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