Zum Inhalt

Ian McEwan - Was Wir Wissen Können

Ian McEwans Roman spielt in einer Zukunft, die man als Dystopie bezeichnen könnte, wäre da nicht das Leitmotiv der Geschichte, welches so gar nicht aus einer dunklen Welt entpringen mag: die Suche nach einem Gedicht.

Die Geschichte spielt im Jahr 2119 und blickt zurück auf das Jahr 2014, als die Welt noch irgendwie in Ordnung zu sein schien. Der hochverehrte Dichter Francis Blundy verfasst den "Sonnettenkranz an Vivien". Vivien ist seine Frau und er trägt dieses Gedicht im Beisein vieler Gäste und Freunde, die alle Teil der Handlung sind, an ihrem Geburtstag vor. Und in der Literaturgeschichte avanciert dieses Gedicht zu einem Mythos, da es unvergleichlich gewesen sein muss und auch nur einmal existiert - handgeschrieben auf Pergament, für Vivien, und dieser an jenem Abend 2014 überreicht. Was ist mit dem Gedicht geschehen?

Gesucht wird dieses sagenumwobene Gedicht von dem Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe in eben jenem Jahr 2119, von wo aus man nostalgisch auf die Zeit vor der "Disruption" blickt. Metcalfe ist besessen - besessen von der Literatur dieser Zeit, von Blundy und auch von Vivien. Mit "Disruption" sind die Folgen der weltweiten Klimaveränderung und die Folgen lokal begrenzter Atomkonflikte wie z.B. zwischen Indien und Pakistan gemeint. Die "Disruption" hat aus England einen Inselstaat gemacht, Deutschland wurde von Russland einverleibt, die USA werden von Warlords beherrscht und das Internet wird von Nigeria kontrolliert.

Metcalfe hat Zugriff auf alle sozialen Medien der Zeit um 2014 und kann alles rund um das Gedicht und den Geburtstag von Vivien minutiös rekonstruieren. Denn vor der "Disruption" wurden die Datenbestände in Bibliotheken und Servern auf höhergelegene Ebenen, meist auf Berge transferriert. Recherchearbeit dort ist jedoch mit mühseligen Reisen dorthin verbunden. Und das ist nicht die einzige Unannehmlichkeit dieser Zeit. Sehnsüchig träumen die Menschen im Jahr 2119 von richtigem Essen, statt von künstlicher Proteinnahrung oder vermissen die Biodiversität in einer überschaubaren Tierwelt. Die Menschen hassen diese Generation von damals, die aus ihrer Sicht zurecht millionenfach den Tod gefunden hat.

Genau aus diesem Grund stösst Metcalfe bei seinen Studenten auf wenig Begeisterung. Im Gegenteil - sein Vorträge zur Literatur aus dieser Zeit werden boykottiert - aus dieser Vergangenheit kann nichts gelernt werden. Nur seine Kollegin Rose teilt seinen Enthusiasmus und tatsächlich finden Sie eine Spur, die sie weiterbringt. Mehr soll an dieser Stelle zur Handlung nicht verraten werden.

Man muss Ian McEwan seine enorm fundierte Fantasie zugute halten. Die Welt, die er entwirft, hat eine innere Plausibilität. Die genannten Fakten werden von Ian McEwan auch nur erwähnt. Sein Fokus liegt auf der Zwischenmenschlichkeit, die damals wie heute von Dramen, Schicksalen, Eitelkeiten und Begierden geprägt ist. Es geht also nicht um eine Dystopie sondern um die Zeitlosigkeit dieser Parameter im menschlichen Dasein, die der Protagonist eben auch in diesem verschollenen Gedicht vermutet.

Ein Kritiker dieses Romans von McEwan hat die Geschichte ein "Akademiker-Melodram" genannt und verweist auf die fehlenden Verbindungen zwischen der beinahe dystopischen Zukunft und diesem eigentlichen Thema - da hat er nicht ganz Unrecht. Ian McEwan wird anscheinend nicht mehr lektoriert. Wer würde es auch wagen, diesen großen Schriftsteller weiter formen zu wollen - und das offenbart hier Schwächen, die ich persönlich auch bei der Lektüre von einem der Vorgängerromane mit dem Titel "Amsterdam" bemerkt habe. Da gab es lange Passagen, bei denen man sich beim Lesen fragt, wofür diese ausschweifenden Gedanken jetzt gut gewesen sein sollen. Und am Ende sagt man sich tatsächlich, dass dieser Handlungsstrang nicht hätte sein müssen. Natürlich ist das nicht unbedingt langweilig, denn McEwan behält seinen Stil und sein Können bei - diese Passagen sind nicht schlecht geschrieben, sie sind einfach nur unnötig.

So ist das auch hier, speziell im 1. Teil des Buches. Viele Abschnitte, viele Darstellungen hätten meiner Meinung nach nicht sein müssen. Man wünscht sich als Leser so oft mehr Fortschritt in der Handlung. Man kann die Lektüre tatsächlich ein wenig als "langatmig" beschreiben. Erst gegen Ende des 1. Teils, als der Protagonist den Schauplatz von 2014 besucht und dabei nicht einfach dort hin gehen kann, sondern sich auf eine gefahrvolle Reise zu einem Archipel im überfluteten England machen muss, kommt der typische MCEwan wieder in den Vordergrund. Schöne erzählte Handlungsstränge, die vor dem geistigen Auge dann so erscheinen, wie man sie später vermutlich einmal verfilmen wird.

Die Auflösung am Ende - ich zögere das eine "Pointe" zu nennen - ist gegen Ende hin erwartbar und sehr stimmig. Ob und wie dieses Buch jedoch als Reflexion auf unsere heutige Zeit taugt, bleibt offen. Da passt dann der Titel des Buches wieder. Wir können so einiges wissen, aber egal, welche Folgen absehbar sind - so manches Handeln bleibt irrational über die Zeit hinweg ein Rätsel, nach dessen Lösung man sucht, wie nach dem schönsten Gedicht, das jemals geschrieben wurde und das vielleicht nur ein Mythos bleibt.

Lesen Sie hier meine Rezension zum dem Buch "Am Strand", ebenfalls von IanMcEwan

Webseite von Ian McEwan

Ian McEwan

Ian Russell McEwan (* 21. Juni 1948 in Aldershot, England) ist ein britischer Schriftsteller. Ian McEwan ist der Sohn eines schottischen Majors (Aldershot ist ein Militärstützpunkt) und wuchs infolge der Versetzungen seines Vaters unter anderem in Singapur und Libyen auf. Er studierte englische und französische Philologie an der University of Sussex in Brighton, wo er mit dem Bachelor of Arts in englischer Literatur abschloss. Während seines anschließenden Studiums zur Erlangung des Master of Arts in englischer Literatur an der University of East Anglia in Norwich besuchte Ian McEwan bei den Romanautoren Malcolm Bradbury und Angus Wilson einen Kurs in kreativem Schreiben. Später unterrichtete er selbst an der University of Sussex. Seit dem Erfolg der Kurzgeschichtensammlung Erste Liebe, letzte Riten (1975) lebt er als freier Schriftsteller. Im Laufe seiner Karriere wurde McEwan mit nahezu allen bedeutenden Preisen für englischsprachige Literatur ausgezeichnet.

Etwa die Hälfte seiner Erzählungen wurden verfilmt, z. B. 2007 Abbitte von dem britischen Regisseur Joe Wright oder 2017 Am Strand, für den er auch das Drehbuch geschrieben hat. Quelle: wikipedia.

Kaufen bei Amazon

Der Amazon-Link ist ein Affiliate Link. Wenn Sie dieses Buch bei Amazon über diesen Link kaufen, erhält der Webseitenbetreiber eine kleine Provision. Darüber hinaus werden von dieser Webseite keine weiteren Daten erhoben. Weitere Infos zum Datenschutz.